Von:
Jutta Schlesselmann

e-glauben.de

Die Sommersonne scheint, als die Trauerfamilie nach Beerdigung und Kaffeetafel noch einmal zum Friedhof zurückkehrt. Von weitem schon leuchtet ihnen das Meer aus Blütenkränzen über dem frischen Grab entgegen und zaubert einigen Trauernden ein Lächeln ins Gesicht. Sie versammeln sich um die Grabstelle, sprechen leise miteinander oder verharren schweigend. Auch ein paar Kinder sind dabei.

Eines von ihnen, der 4-jährige Tim, glaubt sich einen Moment lang unbeobachtet, macht einen Schritt nach vorn, näher zum Grab, bückt sich, hebt einen der Blumenkränze an und schaut darunter. Dann lässt er los, läuft mit strahlendem Gesichtsausdruck zu seiner Mutter und flüstert ihr ins Ohr: „Ich habe Uropa noch gesehen.“

Natürlich kann das nicht sein. Aber seine Mutter fragt sich noch lange Zeit danach, was Tim wohl erblickt hat. Sie vermutet, dass Tim seinen Uropa „gesehen“ hat, weil er mit einem Mal verstanden hat und es glaubte, dass er wirklich in dem Sarg liegt. Es war wohl mehr ein Sehen mit dem Herzen als eins mit den Augen.

Sehen mit dem Herzen, das ist auch das Geheimnis des christlichen Glaubens. Es ist aber auch ein Idealbild, denn schon den Jüngern Jesu fiel diese Art zu glauben nicht leicht. Und so findet sich in der Bibel die Geschichte, in der Jesus, der Auferstandene, den Zweifler Thomas seine Wunden berühren lässt, damit er daran glaubt, dass Jesus wirklich auferstanden ist.

Tims Mutter wünscht sich manchmal, dass sie vor 2000 Jahren gelebt hätte, damit sie Jesus hätte begegnen können. Zu glauben wäre ihr dann sicher leichter gefallen, denkt sie. Gleichzeitig spürt sie aber auch, dass sie einen Glaubensgrund tief in ihrem Herzen besitzt, der wie ein zartes Pflänzchen und unabhängig vom Sehen mit dem bloßen Auge ist.

Sie glaubt, dass sie Gottes geliebtes Kind ist, der sie beschützt und begleitet zu jeder Zeit. Und sie glaubt, dass er sie am Ende ihres Lebens mit offenen Armen empfangen wird. Diese Glaubenshoffnung gibt sie auch an Tim weiter. Und sie freut sich über Tims erforschende Art, mit Fragen seines Glaubens umzugehen und schmunzelt noch oft, wenn sie an seinen Blick unter die Blumenkränze denkt.